Der Hurenpass

#6: Becoming Elias Goldmund Kapitel 3 – And this is how I finally met my Mother

Das Duell zwischen X und Y entscheidet sich zugunsten... (Tja, muss man wohl doch den ganzen Text lesen...) S meldet sich bei Probea als Sexarbeiter an.
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Falls Sie gerade erst neu auf diesen Blog aufmerksam geworden sind, lesen Sie bitte (wenigstens einmal) diesen ersten und diesen zweiten Artikel!

Was bisher geschah…

S baut erste Kontakte in die echte Berufswelt
Er absolviert unverhofft und erfolgreich zum eigenen Vergnügen einen Einstellungstest mit der Chefärztin der Fetisch-Klinik persönlich.
K empfiehlt S die baldige Aufnahme der eigenen Profession.

Die Geburt

"BeZeGeBePro" - "Berliner Zentrum für gesundheitliche Beratung a nach ∫10 Prostituiertenschutzgesetz"
Berliner Zentrum für gesundheitliche Beratung a nach ∫10 Prostituiertenschutzgesetz

Auch diesen, verglichen mit den anderen Aussagen Ks etwas weniger spektakulären Satz („musst dich aber davor noch anmelden gehen“) hatte S sich gemerkt und schritt am nächsten Morgen direkt zur Tat: „gutentagprobeawaskannichfürsietun?“ – „Hallo, wann kann ich zur Anmeldung?“ – „Hmmmm, müssen se n‘ bisschen Zeit mitbringen“ – „Wie viel denn?“ – „Joah, könnte so November werden“. Doch so lange konnte und wollte ich wirklich nicht warten! „Nee, so lange kann und will ich wirklich nicht warten, wann geht’s früher?“ – „Ach so, na dann hat hier gerade jemand abgesagt, können Sie in 30 Minuten hier sein?“ S sprang springt aufs Fahrrad und war kurz vor 11 im Rathaus Schöneberg beim „BeZeGeBePro“ (Berliner Zentrum für gesundheitliche Beratung nach §10 ProstSchG (Prostituiertenschutzgesetz)), der zuständigen Beratungs- und Meldestelle für Dienstleistungen erotischer und sexueller Art.
Die beiden Gespräche von jeweils einer Stunde verlaufen unspektakulär („Sie müssen so eine Arbeit wirklich nicht machen, oder zwingt Sie jemand?“ und „Hatten Sie schonmal AIDS?“) und werden durch eine strenge Mittagspause sauber in zwei Hälften geteilt (auch hier wird Beamt*Innen-Mikado sehr ernst genommen, man stellt seine wertvolle Lebenszeit dem Staat ja schließlich nicht zum Spaß zur Verfügung!)*

Der Kreis schließt sich: X und Y kommen endlich wieder in die Geschichte

Zur zeitlichen Orientierung der Leser*Innen: Wir sind jetzt wieder am 03.09.2024, ca. 13.58, also kurz vor dem Ende dieses ersten Kapitels dieser Geschichte und direkt vor dem Eintreffen der zu Anfangs beschriebenen Szene um die Email an X oder Y (wir werden es nie erfahren und es ist auch scheißegal).

Eine Mitarbeiterin von Probea im Rathaus Schöneberg hält S eine kleine grüne Karte und ein gefaltetes Dokument entgegen, optisch und haptisch ähnlich einem Führerschein, jeweils mit einigen Daten und Orten und anderen Buchstabenkombinationen, dem Namen „Elias Goldmund“ („E„) und einem Foto des jetzt fröhlich lächelnden, immer noch braungebrannten, mitteljungen Manns mit sportlicher Statur und sehr kurzen Haaren drauf. Sie drückte mit der anderen Hand markant die Entertaste ihres Keyboards mit dem Hinweis: „Nur damit se schonmal Bescheid wissen, Sie kriegen in den nächsten Tagen Post vom Finanzamt.“ Und damit war es offiziell: Der Staat in Person der beiden stärksten Kämpfer unseres Systems (X und Y) wusste, dass S (ab jetzt meistens E genannt) ab jetzt Geld mit sexuellen Dienstleistungen verdienen kann! (Spoiler: Dass das für E gar nicht mal so einfach würde, wie in diesem Moment angenommen, wird in einigen der folgenden Blogbeiträge deutlich.)

Die Taufe

Elias Goldmund blickte tief in die ihn leicht zuversichtlich und ermutigend anlächelnden Augen der Mitarbeiterin (die ihn Kraft ihres Amts soeben offiziell zum Prostituierten / Sexarbeiter geschlagen hatte) den Augen einer Mutter gleich, die ihrem Kleinkind ohne Worte signalisieren will: „Trau dich… Geh deinen Weg, Schritt für Schritt, du bist sicher…  Leb dein Leben… Du kannst das, ich glaube fest an dich!“
Sich der ersten guten Chance leider nicht bewusst, mit seinen blauen Augen gleich in diesem Moment die erste Kundin für sich zu gewinnen, vertiefte und gleichsam verlor sich sein Blick und durchleuchtete die weißen Mauern des kleinen Büros, machte auch bei den grünen Blätterkronen der Bäume des Rudolph-Wilde-Parks nicht halt und kam erst zur Ruhe, als er im (ja, nicht einfach nur „am“) golden-gleißenden Horizont, der eine Reise in die Unendlichkeit versprach, eine Lichtgestalt wahrnahm, die ihm die Hand ausstreckte und mit zuerst sanfter, dann zunehmend eindringlicher, vehementer Stimme sagte: „Könnten Sie jetzt bitte ihre Dokumente nehmen und dann gerne auch gehen? Die nächsten Termine warten schon, vielen Dank!“ Zack, das erste Trauma, direkt zu Beginn dieses noch so jungen und unschuldigen Lebens, so schnell kann einen die eigene Mutter direkt nach der Geburt von sich stoßen… E wollte davon nichts wissen, zu groß waren seine Neugier und seine Zuversicht, zu schnell schlug sein Herz, zu stark pochte es in seinen Adern, durch die, dank einer Überdosis Adrenalin, Endorphine aller Art und Testosteron nicht mehr Blut, sondern ein Zaubertrank seines neuen Standes gemäß rauschte.

Epilog

Ich bin mir spätestens seit dem Verfassen des vorherigen Abschnitts bewusst geworden, dass Hesses Roman „Narziss und Goldmund“ nicht nur Elias‘ geistige Geburtsstätte ist, sondern ich auch dringend eine Tiefenpsychologische Therapie aufsuchen sollte (eventuell reicht auch ein ordentlicher Pilztrip), um die unmögliche Trennung und zugleich unvermeidbare Verschmelzung der beiden Autoren zu klären. Wie viel Elias steckt im Autor? Wen lernen die Kundinnen eigentlich kennen? Wie viel „Nicht-Elias“ darf er zeigen? Auch diese existenziellen Fragen werden E und S in Blogbeiträgen zugrunde gehen!

Wie bereits in diesem Artikel erläutert, hat Elias seit seiner Geburt nicht nur viele Talente in sich entdeckt und zu nützlichen Fähigkeiten entwickelt, er führt diese Dinge auch mit einer starken Begeisterung aus, was auch auf das Hantieren mit Worten zutrifft.
Das Ende dieses Epilogs von Es Geschichte soll deswegen als geeigneten Zeitpunkt genutzt werden, den Titel „Autor dieses Blogs“ (nicht zu verwechseln mit „wichtigste Person(en) dieses Blogs“!) für eine Weile an E zu übergeben – die Website ist schließlich nach ihm benannt – und sich aus dessen Geschehnissen zurückzuziehen. (S wird sich lediglich ab und zu einschalten, dazu mehr in späteren Einträgen.)

Ab jetzt geht es eeeeeendlich um die schönen, berührenden, schmutzigen, traurigen, erhellenden, „perversen“ (usw.) Abenteuer von E, der auf seinem Weg zur eigenen Reife  vielen spannenden Menschen begegnet und Dinge erlebt und tut, die er noch vor gut 2 Jahren mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen hätte.

Das schönste dabei ist: Er bereut absolut nichts davon, sondern fühlt sich so wohl in seiner  eigenen Haut und seinem Leben, wie seit dem Verlassen der Gebärmutter der eigenen Mutter nicht mehr 🙂

*Ich hoffe sehr, dass die Mitarbeiter*Innen von Probea- sollte jemand von diesen jemals Kenntnis von diesem Blog gewinnen – meinen Humor verstehen und mir glauben, dass ich ich an beiden bisherigen Terminen sehr wohl gefühlt habe und mir bewusst bin, dass dort sehr sorgfältig und emphatisch gearbeitet wird und das Wohl der Sexarbeitenden im Fokus steht!

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