Falls sie gerade erst neu auf diesen Blog aufmerksam geworden sind, lesen Sie bitte (wenigstens einmal) diesen ersten und diesen zweiten Artikel!
Prolog
Folgende Szene hat direkt kurz vor Elias Goldmunds Geburt stattgefunden und stellt einen der bedeutsamsten Meilensteine in meinem (und seinem) Leben dar:
Ein schicksalhafter Tag

Ein abgedunkeltes mittelgroßes Büro, Totenstille, eine vertrocknete Pflanze auf der Fensterbank, leises Surren eines Tischventilators. Ein langsam vor sich hin trocknendes Butterbrot guckt traurig und etwas schüchtern aus einer halb offenen Tupperdose, der Kaffe daneben bildet schon leichte Eisschollen auf der Oberfläche (könnte auch Schimmel sein). Man kann sie nicht sehen, aber es sind auch Menschen anwesend. Aus zwei Ecken hört man ein leises Rasseln, erinnert an tiefen Dämmerschlaf. Nur der wissende und erfahrene Beobachter kann die nur unzureichend und oberflächlich beschriebene Situation durchdringen, diese angemessen beurteilen und so die gesamte Tragweite erfassen: Die beiden Mitarbeiter*Innen „X“ und „Y“ des Finanzamts in Neukölln befinden sich in der ersten Runde des Quartalsfinales in der Disziplin „Beamt*Innen-Mikado“ (wer sich zuerst bewegt, verliert). Es liegt eine nervenzerreißende Spannung in der Luft, denn es ist eine Begegnung auf höchstem Niveau! Gewöhnlicher Weise finden solche Ausnahmebegegnungen in einer sicheren, von der modernen Außenwelt abgeschirmten Atmosphäre statt, sodass X und Y täglich viele Stunden nach Leib und Seele ihrer Leidenschaft frönen und in das Training ihrer Totstell-Skills investieren können.
Doch an diesem 03. September 2024 gegen 13.58 geschieht das Unvorhersehbare: mit (fast) unaufhaltsamer und (fast) unaushaltbarer Wucht fetzt ein leises „Pling“ durch den Raum und beendet dieses sportliche Großereignis der Extraklasse. Wie zu erwarten reagieren unsere beiden Protagonisten adäquat, denn diese chaotische Situation erfordert rasches und konzentriertes Handeln! Die folgenden Ereignisse geschehen blitzschnell und sind dementsprechend schwer zu überblicken und erst recht nicht einfach mit Worten zu beschreiben: Vorne Links bewegt sich das erste Augenlid („hoffentlich sieht Y das nicht“), beim Gegenüber kann man ein unrhythmisches Zucken des kleinen Fingers erahnen („Was reißt mich aus meiner tiefen Meditation?“), Xs zweites Augenlid folgt langsam dem ersten („nur nichts anmerken lassen, meinen 5 Stunden-Rekord geb ich nicht so leicht her!“) und Y bekommt langsam Angst („Was war das denn nochmal? Schonmal gehört, erinnert mich an irgendwas …“).
Wir werden also Zeugen des sehr rasanten Aufwachens unserer beiden Helden und um die Nervensysteme der verehrten Leserschaft nicht überzustrapazieren, widmen wir uns direkt den im Raum stehenden Fragen: „Bei wem von den beiden kam die E-Mail an? Wer von den beiden wird am Ende ganz umsonst aufgegeben haben?“ Oder auch:
Woher kam diese, die glorreichen Freizeitkarrieren der beiden Beamt*innen beendende Email?*
Um dieses existenzielle Rätsel zu lösen, ist ein kurzer oberflächlicher Blick auf die sehr viel weniger spektakulären Ereignissen der letzten 24 Stunden inklusive der Involvierten Menschen von Nöten:

Es ist 17.58 Uhr an einem sehr warmen Spätsommertag, die Sonne scheint, ein braungebrannter, mitteljunger Mann („S“) mit sportlicher Statur, sehr kurzen Haaren und einem viel zu engen T-Shirt biegt auf seinem Fahrrad in die Wilhelm-Kabus-Str. in Berlin Schöneberg ein und sucht nach Hausnummer 21-35. Er ist auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch (was der Glückliche zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, sonst wäre er nicht so entspannt) und hat viele Fragen im Kopf. Die ursprüngliche und wichtigste Frage lautet: „Wie komme ich an Kundinnen, die sich ihre eigenen tiefsten seelischen und körperlichen Bedürfnisse eingestehen und auch trauen, diese auszuleben und dann auch noch bereit sind, dafür Geld zu bezahlen und davon wiederum auch genug haben, um sich diesen Luxus gönnen zu können, ohne selbst durch eine finanzielle Schieflage oder andere äußere weniger selbstbestimmte Umstände Anbieterinnen ihrer eigens in Anspruch genommenen Dienstleistungen werden zu müssen?“ Der Besitzer und Betreiber des aufgesuchten Etablissements („K„) hat die benötigte Expertise – kann er sich selbst doch rühmen, in eben jenem Sektor der Bekannteste und Erfolgreichste seiner Art zu sein – und hatte S angeboten, die genannte Frage nach dem offiziellen Tag der Tür unter vier Augen zu erörtern. Was nach nicht viel klingt, ist tatsächlich so, wie wenn Bill Gates einem Teilnehmer der IT-Ag in der Mittelstufe anbietet, ein bisschen Nachhilfe im Programmieren zu geben.
Ein vielsagender Blick sagt manchmal mehr als 1000 Worte…
S wird von Ks Strahlen herzlich in Empfang genommen und erkennt sofort den sympathischen Mann aus der Youtube-Dokumentation über dessen Arbeit, die S vor einer Woche bewogen hat, ihm zu schreiben.

K hat diesen Blick, der dem Wesen seiner Arbeit entsprechend einnehmen und zugleich erstarren lassen kann, je nachdem wer ihm gegenübersteht… „Na, du bist S, ne? Herzlichen Willkommen im Atrium, schön, dich [endlich**] kennen zu lernen!“
S wird in ein helles, halb eingerichtetes Büro gebracht und mit einem kalten Getränk in einem gemütlichen Chesterfield-Sessel geparkt. Langsam füllt sich der Raum mit Frauen verschiedenen Alters und Typus‘, bis sich nach 15 Minuten eine illustre, fröhliche Runde mit gutem Blick auf den großen curved Flatscreen auf dem Schreibtisch versammelt hat, um sich vom Chef persönlich eine zwei-stündige Präsentation über die im Etablissement vorherrschenden Sitten, Gebräuche, Konditionen und Modalitäten anzuschauen. Es wird gefragt, erzählt, gelacht und gestaunt, die Stimmung ist wirklich gut.
Die Frau, die irgendwie auch die Chefin, aber nicht die die Frau vom Chef ist
Von draußen dingt der Schall schneller Schritte in den Raum, es kündigt sich etwas an. Plötzlich wird die Tür zum Büro von einer Energiewelle aufgerissen und ein fröhlicher Wirbelwind stürmt in den Raum und wird von K stolz vorgestellt mit den Worten „Ahhh hier, das ist Frau Weber, die Frau fürs Praktische, von der ich euch erzählt habe, ohne die geht hier gar nichts“.

Frau Weber ist nicht die allerbeste im Komplimente annehmen und spielt den Ball unauffällig zurück. „Naja, ohne dich wäre hier noch weniger als nichts! Und zu mir, also ich mach halt, was so ansteht und joah, ich bin schon etwas schneller als andere und auch schon ein paar Jahre dabei…“.***
S – sich der ihm gegenüberstehenden Prominenz nicht bewusst – in Gedanken: „Wann hab ich endlich mal die Chance, K unter vier Augen seine Geheimnisse zu entlocken?“ Jetzt offensichtlich noch nicht, denn eine Tour durch das Studio ist angesagt. Das Staunen wird beim Spaziergang über das 800 Quadratmeter große Betriebsgelände von Raum zu Raum größer und das, obwohl vieles eher noch Baustelle als Nutzungsstädte ist. Die Idee, diesen schönen Rundgang mit bereitgestellten Kaltgetränken auf der sonnenüberfluteten Dachterrasse zu begießen und sich selbst, die Zukunft und das Leben im Allgemeinen zu feiern, findet große Zustimmung.
K zu S: „Ganz schön viele neue Eindrücke für dich, oder? Das wird alles mal richtig krass, ich hab sooo viele Ideen“ und verschwindet strahlend in der Küche, um den kaltgestellten Prosecco zu holen.
S ist sich nicht sicher, wo er seine eigene Zufriedenheit auf Basis der bis jetzt erlebten Eindrücken auf einer Skala von 1 „Hääää, was soll ich hier?“ bis 10 „Wo kann ich unterschreiben?“ einordnen würde. Zum Glück stellt ihm niemand diese Frage und er sich selbst auch nicht…
Inzwischen denkt ihr euch wahrscheinlich „Ok, genug jetzt mit der langweiligen Geschichte über S, was ist denn jetzt mit X und Y?
Die Antwort kommt im nächsten Kapitel.
* Ich möchte hier klarstellen, dass meine bisherigen Erfahrungen mit dem Finanzamt Neukölln ausschließlich positiv sind und alles oben geschriebene komplett ausgedacht und nur zur Belustigung der Leser*Innen gedacht ist.
** Ob er „endlich“ nur dachte oder sagte, wird für immer ein Geheimnis bleiben.
*** Ohne Frau Weber wären eventuelle alls in meiner Branche arbeitenden Menschen arbeitslos, dazu mehr in einem späteren Artikel.
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